Amazonien mit dem Reisetretboot

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Downloud Fankurve, einer Radiosendung von B II zu unserer Reise 55min MP3 BILDERGALERIE

FÜNF MONATE, 9000 km unterwegs auf dem Rio Vilcanota (bei Cusco), DURCH DIE BERÜHMTE SCHLUCHT PONGO DE MANSERIDE (MAINIQUI), dem Rio Urubamba, dem Rio Ucajali, dem Rio Solimas, dem Amazonas und dem Rio Madeira

1999 beschließe ich  einen Zufluß des Amazonas mit meinem Reisetretboot zu bewältigen.
Aufgrund einer Fehlinformation wird daraus eine lebensgefährliche Wildwasserfahrt im menschenleeren Dschungel.
Wochenlang geht es durch ein Gebiet mit menschenscheuen Indianern, ein großer Puma umschleicht unser Zelt, wir sehen Krokodile, Delfine, durchqueren das sagenhafte Pongo der Mainiqui.1000 km bewältigen wir mit dem Tretboot. Anschließend  sind wir 8000 km mit diversen Seelenfängern  in Peru, Brasilien und Bolivien unterwegs..







Im Sommer 1999 testeten wir das Riverbike auf dem mächtigsten Flußsystem der Welt: in Amazonien. Um seine Expeditionstauglichkeit zu beweisen, wollten wir schon in den Bergen starten.
Meiner Begleiterin Anja und ich entschieden uns für den südlich von Cuszo entspringenden Rio Vilcanota, der in seinem weiteren Verlauf unter dem Namen Urabamba zusammen mit dem Rio Tampo den Rio Ucayali bildet. Erst ab diesem Zusammenfluss besteht ein (einigermaßen) regelmäßiger Schiffsverkehr Richtung Amazonas, hier liegt auch das Ziel unserer Reise, das Städtchen Atalaya


Der Rio Vilcanota ist eine besondere Herausforderung und von besonderem Reiz durch den Umstand, daß er sich bei seinem Austritt aus den Bergen durch eine enge Schlucht zwängt, die nur zwei Monate im Jahr, bei Niedrigwasser, passierbar ist. Sie bildet so einen geographischen ?Eisernen Vorhang??, der wie das Original auch eine kulturelle und wirtschaftliche Grenze bildet, die paradoxer Weise nicht einmal von Flugzeugen überwunden wird.
In Quillabamba versorgen wir uns  mit Lebensmitteln für vier Wochen und Werkzeug für alle Fälle. Und mit ca. 200 kg Gepäck benötigen wir mit dem Lkw 15Std. für die ca 40km Luftlinie bis an das Ende der sogenannten Straße. 
Ab hier ist auch in der Trockenzeit der Verkehr mit den üblichen, mit Außenbordern ausgerüsteten, 15m langen Holzbooten möglich. Mit einem solchen fahren wir in das nächstgelegene Dorf um in diesem 40 Seelen zählenden Ort unser Tretboot zusammen zu bauen.
Nachdem wir das erstemal Müsli frühstücken wollen, werden wir mehrmals von den Bewohnern täglich mit Essen versorgt: Müsli gilt den Einheimischen als Babynahrung.
 Sie warnen uns vor den Gefahren des endlosen Waldes hinter den Bergen, wo es keine Lebensmittel, Strände, Menschen gäbe,- dort gewesen ist niemand. Wir gehen trotzdem zu Wasser.
Die tosenden Stromschnellen, mächtige Urwaldbäume, die der Fluß mitgerissen hatte, große Felsblöcke, die, von Wasser überspült, starke Strudel verursachen, das alles ist für uns kein Grund zum Fürchten: während der des öfteren recht rasanten "raftingfahrt" beweist sich die Wildwassertauglichkeit unseres Bootes. Meist knien wir uns in diesen Situationen auf die Auftriebskörper, Halteriemen um die Unterschenkel verleihen uns halt.
Die meiste Zeit geht es in flotter Fahrt durch das enge Flußtal, das mit seinen zahlreichen Windungen ein abwechslungsreiches Panorama in allen dschungeligen Grüntönen bietet. Nur gelegentlich sehen wir Hütten von Indianern (Machiguengas), die hier meist vom Fischfang leben und in kleinen Plantagen Bananen und Yucca anbauen. Nach einer Woche landen wir in dem Dorf Sanriato, hinter dem die sagenhafte Schlucht Pongo de Mainiqui liegt. Hier befindet sich ein riesiger Felssturz mit Stromschnellen, die wir mit unserem kleinen Reisetretboot nicht bewältigen können. 

Wir warten drei Tage, bis wir ein Boot finden, das uns durch die Schlucht fährt. An der ?Derrumbe?, wie die Katarakte genannt werden, müssen die etwa 20 Passagiere aussteigen. Der Bootsführer steuert das 15m lange Boot, das zeitweise gänzlich in der Gischt verborgen ist, alleine und polternd durch das Getöse. Die anschließende Fahrt durch die Klamm gehört zu den Höhepunkten unserer Tour. 
Die 40 bis 60 m hohen senkrechten Felswände sind von Moos, Flechten, Büschen und Bäumen begrünt, die in Felsritzen wurzeln, von überall tropft Wasser, zahllose Kaskaden ergießen sich über die überhängenden Felsen. Ich erinnere mich an die Faszination, die die Partnachklamm auf mich als Kind ausübte - jetzt, größer geworden, durchfahre ich ein Tal, das diesen Eindruck um ein vielfaches an Erhabenheit übersteigt.
In der Abenddämmerung erreichen wir die Pampa, die riesige Ebene von Amazonien, unser GPS zeigt nur 380 Höhenmeter, trotzdem liegen noch fast 9000 Flußkilometer bis zum Atlantik vor uns. Wir feiern unsere erste Nacht in der Dschungelebene mit einer Flasche Sekt...

Als ich am nächsten Morgen keine 8 Meter hinter unserem Zelt die Spuren einer mächtigen Raubkatze entdecke, wird uns noch einmal bewußt, das wir uns in einem menschenleeren ?Zonenrandgebiet?  befinden,- die großen Katzen sind in der Nähe der großen Flüsse eigentlich so gut wie ausgerottet.
Auch in der nächsten Nacht erhalten wir Besuch: Beim allabendlichen Lagerfeuer (das wir jetzt natürlich um so eifriger schüren) hören wir spitze Schreie, unserem Jodeln nicht unähnlich, offensichtlich die Verständigungsart der Machiguengas über größere Distanzen. Dadurch mißtrauisch geworden, habe ich einen nur leichten Schlaf, und tatsächlich, wir liegen noch keine halbe Stunde in den Schlafsäcken, als ich einige Boote höre, die in der Nähe anlegen. Wir warten, bis wir die unbekannten Besucher unweit unseres Tretbootes befinden. Mutig der Gefahr ins Auge sehend, schlüpfen wir aus dem Zelt und wünschen im freundlichsten Spanisch den 10-12 Personen einen schönen Abend.
Ich höre aufgeregtes Flüstern in einer Sprache, die an Vogelgezwitscher erinnert, erkenne schemenhaft Gestalten, hauptsächlich Männer mit Gewehr und Bogen. Uns wird klar, daß wir unbewaffnet sind.
 Um meine Unsicherheit zu überspielen, biete ich an, ihnen unser UFO (Unbekanntes Flußobjekt) vorzuführen. 
Noch einiges Geflüster, und im Laufschritt eilen die Gestalten zurück zu ihren Booten um in größter Eile ans andere Ufer überzusetzen. Offenbar ist keiner von ihnen des Spanischen mächtig und ihre Angst noch größer als unsere.

In den nächsten Tagen verlieren wir die Berge aus den Augen, andere Boote sind hier kaum unterwegs, hin und wieder ein Einbaum. Um neuerlichen nächtlichen Besuchen zu entgehen, übernachten wir von nun ab möglichst in der Nähe von Hütten. Dort sind wir immer herzlich willkommen. Wir demonstrieren die Funktionsweise unseres Bootes, erläutern die Vorteile eines Zeltes und bekommen dafür Tips, welches Feuerholz das geeignetste, welcher Köder der erfolgversprechendste ist. Bereitwillig zeigt man uns auch Hütten, Anpflanzungen und Jagdmethoden.
Unsere TPC-Karte hat anfangs kaum etwas mit dem wahren Flußverlauf zu tun, doch als wir uns den ersten größeren Ansiedlungen nähern, ist uns eine exakte Orientierung möglich. 
Die 1000-2000 Bewohner bestehen für ihre Dörfer auf der Bezeichnung ?comunidad?, denn diese Indianerkolonien (hier wohnen Piru) sind nach demokratischen und sozialistischen Richtlinien strukturiert. Sauberes Wasser, Schulen, geldloser Tauschhandel sind obligatorisch, Alkohol (woanders oft ein Problem) weitgehend verpönt...
Unsere ersten Krokodile, auch sogar Delphine, erschrecken uns noch, doch die einen sind scheu, die anderen nur neugierig auf unser Riverbike. 
Nachdem in unmittelbarer Nähe unseres Zeltes Indianerjungen eine Glanzspitznatter erschlagen, beweist, das die Wildnis hier doch gelegentliche Opfer fordert, vielleicht vergleichbar unseren Autobahnen.
Wir sind acht Wochen unterwegs, als ich nach einer harmlosen Kollision mit der Felswand in einer Außenkurve ein lautes Zischen bemerke. Am Ufer stellen wir fest, daß der rauhe Stein ein Ventil fast komplett abgerissen hat. Ich hatte schon vorher über deren idiotische Positionierung an der Außenseite der Auftriebskörper geflucht, jetzt ist eine Reparatur schwer möglich. Drei Tage warten wir am Ufer, einer Moskitobrutstätte, erfolglos auf ein Boot. 
Endlich beschließen wir entnervt, das Ventil komplett zu entfernen und das entstehende Loch zu flicken. Die Ausführung gelingt nur notdürftig, und so mußte ich halbstündig pumpen. Wir fahren jetzt 12 Std täglich, denn Zeit ist Luft...
Nach drei Tagen erreichen wir Sepahua, die erste richtige “Stadt”, mit “zahllosen” Läden, Hotels und Werkstätten. Bisher trafen wir kaum jemand, der dem Fluß schon weiter als bis hier gefolgt ist, denn hier bekommt man alles. So auch 6 große Fässer, die ich zusammen schweißen lasse, um so zwei Auftriebskörper zu erhalten, die uns eine Weiterfahrt nach Atalaya ermöglichen. 

Diese robusten Schwimmkörper zu benutzen, hatte ich schon vorher in Erwägung gezogen, doch wären sie für den reißenden Gebirgsfluß zu schwerfällig gewesen. Jetzt erweisen sie sich als Ideal, ihre plumpe Form ist bei unserer geringen Geschwindigkeit kaum relevant, Untiefen und Bäume im Wasser werden einfach “überrumpelt”.
Nach einer Woche erreichen wir Atalaya und erfahren vom Hotelbesitzer, daß 1996 zum ersten Mal Touristen auf dem Wasserweg von Quillabamba nach Atalaya gelangt sind: Wir sind eine Sensation, und, um zu vermeiden, daß wir aus finanziellen Gründen weiterreisen, bietet man uns an, im Garten der Mutter des Bürgermeisters zu zelten. Sie bekocht uns mit allem was Urwald und Fluß hergeben. 
Wir bleiben über eine Woche in der Stadt, um uns von Abenteuer und Einsamkeit zu erholen. Da zu dieser Jahreszeit nur selten ein größeres Schiff Atalaya erreicht, beschließen wir, noch bis Bolognesi zu treten. Hier lernen wir einen ganz anderen Indianerstamm kennen, die Chapmas, die Weisen gegenüber als sehr gewalttätig gelten. Uns begegnen sie jedoch ausschließlich ängstlich und bitten uns, weiter zu fahren. Es ist schon  etwas beunruhigender, abends im Zelt nicht gleich die “Zivilisation” neben sich zu wissen.

In Bolognesi besteigen wir ein Boot, dessen Luxus gerühmt wird, das aber in unseren Augen einem verrosteten Seelenfänger gleichkommt. Nichtsdestotrotz wirkt es vertrauenerweckender als alle anderen. 
Gelegentlich bleibt es an einer Sandbank hängen, einmal liegen wir 10 Stunden fest. Als ich zu den Männern in den Fluß steige, um ebenfalls mit zu schieben, dauert es nur noch eine Stunde, und tatsächlich wird das 20m lange Stahlboot von der Strömung erfaßt, die Fahrt geht weiter.
In Pucallpa verkaufen wir unsere Fässer (Pfandsystem!) und begeben uns zu den reichsten Menschen entlang des Ucayali, denn die Tropenholzhändler stammen aus Atalaya, und wir haben eine Empfehlung...
Auf dem Schiff gab es dreimal täglich Reis mit aufgeweichtem Trockenfisch, jetzt steht uns immer ein warmes Buffet, mehrgängige Menüs, Swimmingpool mit einem 4m-Wasserfall zur Verfügung. 
Nach unseren 12 Wochen im Urwald der denkbar stärkste Kontrast. Bei einem Barbecue uns zu Ehren fühlen wir uns in eine amerikanische Seifenoper versetzt, doch schon vorher hat man uns klargemacht, daß Politik und Ökologie kein akzeptiertes Gesprächsthema in diesen Kreisen sind. 
Als wir nach drei Tagen ein Schiff nach Iquitos besteigen, ist der Abschied zwar herzlich, doch unsere Gefühle zu diesen Ausbeutern von Land und Leuten bleiben mehr als zwiespältig.
Die wenigen Gringos, die uns auf diesen Schiffen begleitet haben, sind froh, ihre Amazonientour nach 3-4 Tagen hinter sich zu haben. 
Uns dagegen, so stellen wir befriedigt fest, wird der Anblick des Flußufers, des immer breiter werdenden Stromes noch lange nicht langweilig. In Manaus beschließen wir, nicht zum Atlantik, sondern flußaufwärts dem Rio Madeira nach Bolivien zu folgen. Vielleicht ist er ja einer erneuten Tretbootreise würdig...
In Porto Vehlo verlassen wir nach fast fünf Monaten den Fluß, über 9000 km (das entspricht der Strecke Hamburg-Katmandu) sind wir auf ihm gereist, davon bescheidene 1000 mit unserem Riverbike.