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Mit dem Tretboot in Sibirien,
Erlebnisse und Abenteuer am Jenissej, einem der 10 mächtisten Ströme der Erde.
Wir bereisen drei Monate dessen Steppen, Berge und Tundra und legen mit dem Riverbike  die 1500 km lange Strecke von Krasnojarsk bis Turuchansk in 3 Monaten zurück.


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BILDERGALERIE


Zum Jenissej Anton Tschechow:

„Ohne die eifersüchtigen Anhänger der Wolga beleidigen zu wollen, so ich habe in meinem Leben keinen großartigeren Strom als den Jenissej gesehen. Während die Wolga zwar eine schmucke, bescheidene und melancholische Schönheit ist, erscheint der Jenissej als mächtiger, unbezähmbarer Recke, der nicht weiß wohin mit seiner Jugend und Stärke....so jedenfalls schien es mir, als ich am Strand des breiten Stroms gierig sein Wasser betrachtete, das mit furchtbarem Tempo zum Eismeer stürmt. Die Ufer sind ihm zu eng. ...man ist fast überrascht, das dieser Kraftprotz die Ufer noch nicht weggespült hat. ...“.

Aus dem Inhalt:

Der Schrecken
der tuwenischen Bürokratie,
 

des chemischen Wodkas,
der Boje.
Wir passieren die schreckliche Kasatschinski- und Ossinovskistromschnelle,
erleben einen Überfall,
werden später in einem entlegenem Dorf ausgeraubt ....doch immer geht alles gut.

Wir besuchen Jäger, Fischer, Altgläubige,  einen entlassenen Gulaginsassen, einen Dichter, einen Historiker usw. usf...













KURZINFO

KLIMA: 
Im Juni und Juli sommerlich heiß, je nördlicher, desto wechselhafter, wir hatten das Pech dass der August bereits sehr verregnet und stürmisch war.
 
FLUßCHARAKTERSTIK: 
Der Jenisej ist einer der drei mächtigen Ströme Sibiriens, der sechstgrößte und  vorallem  der stömungsreichste der Welt; Gesamtlänge 4100 km, Entwässerung 2,1 Mill. qkm, z. Vergl. Rhein 1320 km, 0,25 qkm. 
Der Jenisej hat eine außergewöhnlich starke Strömung, bei Krasnojarsk 6-8 km/h, im Norden mit zunehmender Breite schwächer. Auf unserer Strecke passierten wir zwei Stromschnellen, durch die Kasatschinskistromschnelle zieht uns ein Fischerboot, die Ossinovskistromschnelle konnten wir weiträumig umfahren. Schon in den Sajanbergen sieht man recht häufig  russische Wassersportler, meist sind sie mit Schlauchbooten unterwegs. Die Fahrt auf dem Jenissei ab Tuwenien wird durch den  a300 km langen Shushenskij-Stausee geschmälert.









LANDSCHAFT/ BEVÖLKERUNGSDICHTE:
Ab Krasnojarsk bis zur Angeramündung relativ dicht besiedelt; ab Lessosibirsk ist der Fluss der einzige Verkehrsweg, denn Straße und Eisenbahnlinie enden hier.Die Wildnis der Taiga nimmt zu, der Abstand zwischen den Siedlungen ebenfalls.
In Bor an der Mündung der steinernen Tunguska endet dann auch die tägliche Verbindung mit dem Tragflächenboot nach Krasnojarsk.
Anschließend wird die Uferlandschaft von riesigen Sumpfgebieten, seltene kleine Fischerdörfer oder die leeren Hütten bereits ganz verlassener Orte bestimmt..
Selten hatten wir Schwierigkeiten einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Unsere größten Feinde waren nicht die zahlreich in den Wäldern der Taiga lebenden menschenscheuen Bären, sondern  die sich in millionenfacher Zahl auf uns stürzenden Mücken und Schnacken, erfolgreich setzten wir uns mit russischer Chemie (Delta), dem aus der Birkenrinde gewonnen Djogut, Moskitohüten und qualmenden Grasfeuer zur Wehr. Nur einmal fanden wir am Ufer die Spuren von Meister Petz. Allerdings durften wir bei Gelegenheit das Fell und die riesigen Pranken eines im Winter erlegten hungrigen Bären bewundern. Er wurde erschossen, als er sich einen zweiten Wachhund als winterliche Zwischenmahlzeit holen wollte.

REISEDAUER:
Insgesamt 3 Monate, mit dem Tretboot waren wir knapp sieben Wochen unterwegs (natürlich wäre die Strecke in nicht einmal der halben Zeit „machbar“ gewesen, doch die Faulheit ist eine Eigenschaft, für die ein Riverbikenutzer besonders anfällig ist: setzt man mit dem Treten aus, treibt ein Riverbike trotzdem einfach immer weiter vor sich hin...)












Reisebericht

Der Schrecken der tuwenischen Bürokratie


Zum Jenisei vereinigen sich der Bi-Chem und der Ka-chem, bei Kysil (90 000 Einwohner), der Hauptstadt von Tuwa (insgesamt 330 000 Einwohner). 
Die Republik Tuwa , Teil der Russischen Förderation, ist erst seit 1990 zugänglich und wird zu 32% von Russen und zu 64% von Tuwen bewohnt. Nach den Unruhen vor 10 Jahren verließen viele Russen das Land, jedoch sind seither einige wieder in das kleine Land an der mongolischen Grenze zurückgekehrt. Doch der soziale Frieden kann nicht als gesichert gelten, zu offensichtlich sind die sozialen Unterschiede zwischen Tuwen und Russen, auch sind Verwaltung, Handel und Industrie fast ausschließlich in der Hand der russischen Minderheit. Nachts ist die tuwenische Polizei in der Hauptstadt allgegenwärtig, Alkohol scheint hier ein noch größeres Problem als sonst in Sibirien zu sein. 
  Tuwenien lebt vom Bergbau, der Land- und Viehwirtschaft, viele Tuwen leben mit ihren Yaks ganzjährig in Jurten. Die Temperaturen in diesem von Bergketten umschlossenem Land schwanken zwischen minus 28-45 Grad im Winter und 30-42 Hitzegrad im Sommer.
Touristisch ist das Land schon einigermaßen erschlossen, es gibt einige „unbewohnte Kurorte“ mit Heilquellen, in den Bergen gibt es malerisch gelegene Tumbasa (Holzhütten für Touristen). Die vorhandenen Hauptverbindungswege sind gut in Schuss und die Pässe sind meist ganzjährig passierbar. Fast 3000 km legen wir mit öffentlichen Verkehrsmittel zurück, um den Jenniseij südlich von Krasnojarsk zu bereisen. 
In der Nähe von Krasnojarsk, am Fluss Mana bauen wir Anfang Juni 2002 unser Tretboot zusammen. 
Während wir zum wiederholten Male unseren undichten Auftriebskörper flicken müssen, findet vor unseren Augen ein Schauspiel statt, mit dem Tausende Sibirier dem malerischen Fluss huldigen. Mit Kajaks, Katamaranen, Schlauchbooten jeder Couleur, teilweise nur mit einem LKW Schlauch oder riesigen Floßkonstruktionen mit bis zu zwei Stockwerken und 40 Leuten an Bord, lassen sie sich den Fluss hinabtreiben. Selbst mit den  überladenen Partyflößen bewältigen sie die Stromschnellen des Bergflusses. 











Nach drei Tagen passieren wir die berühmte Brücke von Krasnojarsk mit erfolgreich reparierten Auftriebskörpern. Unser Zeltplatz in dieser Nacht ist auf jedem 10 Rubelschein abgebildet: eine kleine Insel mitten im Herzen dieser Stadt, die oft Perle Sibiriens genannt wird. 
Nachdem wir die Industriemetropole Krasnojarsk passiert haben, wird es immer einsamer, endlose Strände bieten Übernachtungsmöglichkeiten, tagsüber lassen wir uns treiben und von der Sonne braten. Sehr oft werden wir von gastfreundlichen Russen eingeladen.  Doch schon in der Transsibirischen Eisenbahn hat sich mein Magen an den Wodka gewöhnt, - trotzdem will ich das Bild von den riesigen Wodkagläsern, die allerorten auf einem Zug geleert werden müssen, nicht bestätigen...
Nach fast zwei Wochen passieren wir Strelka ( 2000 Einwohner) an den Mündung der Angara (Länge 1852km).. 
Diese entspringt am Balkalsee und ist der größte Nebenfluss des Jeniseij. Auf ihr werden mit kilometerlangen Flößen Zedern und andere Stämme nach Lesosibirsk zur Weiterverarbeitung gebracht. Über 20 km ziehen sich die Berge von Stämmen hin, welche darauf warten von riesigen Kränen der Holzverarbeitenden Industrie von Lesosibirsk zugeführt zu werden. Im Winter ist ab hier der Verkehr nur auf dem zugefrorenem Fluss möglich, denn hier enden Straße und Eisenbahnlinie.
Wenn wir anlanden entzünden wir meist zwei Feuer: eines zum Kochen, eines das mit dem Qualm verbrannten Grases die Moskitos von unserem Nachtlager vertreiben soll. Von einem weißen Nachtlager zu sprechen wäre richtiger, um 1 Uhr beginnt es für zwei Stunden zu Dämmern, dann ist schon bald wieder die Morgensonne zu sehen, wir sind dem Polarkreis sehr nahe gekommen. 













An einer dieser weißen Nächte landet ein Fischer bei unserem Boot mit dem Wunsch unser eigenartiges Gefährt zu bewundern. Als er mitbekommt das wir Deutsche sind, ist er begeistert, heißt uns die Feuer zu löschen, das Zelt einzupacken und bei ihm in einem nahen Dorf zu übernachten. Er ist Wolgadeutscher, ein Nachfahre der 300.000 Menschen, die zwischen 41 und 42 nach Sibirien verbannt wurde. Viele von ihnen versuchen nach Deutschland auszuwandern, so auch David Schäfer, unser Gastgeber. 
Er hat schon die meisten Formalitäten, auch den Sprachtest, hinter sich gebracht. Als wir in seinem Haus ankommen, ist es 1 Uhr nachts. Im Morgenmantel stehen bald seine Mutter und seine Schwester vor uns, sie begrüßen uns wie einen lang ersehnten Besuch. 
Es kommt zu einem der üblichen Gelage mit gesalzenem Fisch, frischem Gemüse, gekochten Kartoffeln, Salat und Hirsebrei, zu dem gerne Marmelade gereicht wird. Wir trinken Tee und natürlich Wodka, zur Feier der Nacht werden noch selbstgemachter Cognac und Beerenwein gereicht. Der Dialekt Davids Mutter erinnert uns ans jiddische und der Ton, mit dem sie uns immer wieder zum Essen auffordert, wird ihrem Spitzname gerecht: Sie geniest es wenn von ihr als von dem General der Familie gesprochen wird. 
Wir fühlen uns so wohl, das wir hier gerne für drei Tage verweilen.
Wir besuchen  Jenisseis, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, die schon 1602 gegründet wurde und eine wichtige Rolle bei der Erschließung Ostsibiriens spielte. Hier ergänzen wir unsere Vorräte. 
In Anzifetovo besuchen wir Pascha, einen fast 60jährigen Dichter, Fischer, Schuster, Schnitzer und leider, so werden wir vorgewarnt, Trinker. Er wohnt im schönsten Haus des Dorfes, die Fensterlaibungen sind reich beschnitzt, die in Sibirien schon ungewöhnliche Klingel betätigt man durch den Zug an der Zunge einer Holzfigur. Beim Abendbrot erzählt er uns aus seinem tragödienreichen Leben, er saß z.B. insgesamt 12 Jahre im Gefängnis. Das zweit mal bekam er 4 Jahre Knast für ein Gedicht, das er über sein Lagerleben geschrieben hatte.
Dank der Reformen Gorbatschows ist er entlassen worden. Der Tod seiner Frau hat ihn in eine schwere Sinnkrise geworfen, Durch verdünnten, sogenannten technischen Alkohol wankend zeigt er uns sein selbstgeschnitztes Kreuz, wenn der dazugehörige Sarg fertig ist, hat er nichts mehr zu tun...
Doch man respektiert und kümmert sich um ihn, das hat er seinem legendären Ruf als Fischer und seiner geachteten Position im Dorf zu verdanken. 













Am nächsten Abend treffen wir seine Schwester aus dem Nachbardorf und einige Großnichten bei ihm, sie kombinieren ein großes Familientreffen mit einem Großputz. Als sie am nächsten Morgen abfahren, haben die vier Frauen zusammen mit Pascha und unserem bescheidenen Beitrag vier Liter  Wodka getrunken, Ausfälle hatte nur Pascha. 
Und weil seine Schwester im nächsten Dorf flussabwärts wohnt, ist uns ein erlebissreiches Abendessen mit Trinkgelage für einen weiteren Tag gesichert.
Einige Tage später erfahren wir in Bor, einem 2-3 tausendseelen Städtchen, das wir nur knapp den Orkan verpasst haben, der hier vor zwei Tagen Dächer mitriss und Hunderte von Bäumen entwurzelte. Bei einer der beliebten Karaokeveranstaltung in der örtlichen Disko erfahren wir, das wir die zum Orkan gehörenden taubeneiergroße Hagelkörner ebenfalls versäumt haben.
Gelegentlich werden wir von Fischern in ihre Jagdhütte eingeladen, dann gibt es Fischsuppe und Wodka. Wenn wir zufällig auf eine der versteckten Hütten stoßen nutzen wir sie, denn das respektierte Gesetz der Taiga besagt, das diese nie abgeschlossen sein dürfen, immer etwas Mehl, Zucker, Tee, frisches Brennholz und Benzin anderen Nutzern zur Verfügung stehen muss. Der Bedürftige bedankt sich mit einem Obolus. 
Uns ist die Nutzung der Banja am wichtigsten, diese meist separat stehende russische Sauna fehlt bei keiner Hütte, keinem Wohnhaus und wird an den meisten Arbeitsplätzen bereitgestellt.
Eingeladen werden wir auch von einer Familie Altgläubiger, die mit ihrem wenige Wochen alten Kind die auf der Rückkehr von einem Verwandtenbesuch sind. Zu diesem Zweck waren sie mehrere hundert Kilometer mit dem offenem Motorboot unterwegs. Als wir die gastfreundliche Familie einige Tage später nicht daheim antreffen, bittet uns die greise Nachbarin ins Haus. 
Unter Altgläubigen sind viele technische Errungenschaften verpönt, Radio und Fernsehen sind vollkommen out, die Schule wird oft nur bis zum vierten Schuljahr gutgeheißen. Während uns die Frau von der schrecklichen Flut erzählt, die das Dorf letztes Jahr heimsuchte, spinnt sie Wolle nur mit einer Spindel, ein Spinnrad wäre ihrer Aussage zufolge einfach überflüssig. Die Altgläubigen spalteten sich im 17 Jahrhundert von der russischorthodoxen Kirche und waren bis 1989 nur 20 Jahre nicht verfolgt. Sie leben meist in den entlegendsten Winkeln des abgeschiedenen Sibirien, auf den offiziellen Karten werden manche ihrer Ortschaften noch heute nicht verzeichnet.











Verchnjeimbatsk ist der letzte größere Ort bevor wir 150 km später in Turukansk am Ziel unserer Tretbootreise sind. Es gibt zwei Kneipen und Bier, als wir nach deren Nutznießung des nächtens zum Zelt kommen erwartet uns eine böse Überraschung: Das Zelt ist demoliert, es fehlen Kamera, Walkman, Zigaretten, Wodka und vor allem unsere belichteten Filme und bespielten Mini Disketten.
Der Regen der letzten Tage hat uns wenig ausgemacht, ist das Tretboot doch überdacht. 
Am nächsten Morgen hat jedoch auch der lästige Wind zugenommen, vor allem kommt er von Norden. Er windet also gegen die Strömung, ein Umstand, der bei einem Fluss dieser Größenordnung einen beträchtlichen Wellengang zur Folge hat. Eine Weiterfahrt in unserem Boot ist bei einem solchen Wetter die Mühe nicht wert. 
Also begeben wir uns zur Miliz und machen Besorgungen. 
Unserer Missgeschick ist schon in aller Munde, und am Nachmittag sind wir umringt von schulpflichtigen Detektiven, die dem Verdächtigen bald auf die Spur kommen. Am nächsten Morgen unveränderte Wetterlage, aber auch unveränderter Eifer Heranwachsender auf der Suche nach unseren Habseligkeiten. Wenn Schulkinder in den 3monatigen Sommerferien nicht Angeln oder Fischen sind, haben sie viel Zeit. 
Nach drei Tagen haben alle vermissten Gegenstände auf verwundenen Pfaden den Weg zurück zu uns gefunden. Zu dieser erfreulichen Wende waren weder Lösegeld noch Belohnung vonnöten.
Fand sich bis jetzt alle 30-80km eine mehr oder weniger ansehnliche Ansiedlung, so werden diese jetzt noch seltener, armseliger, manche auch vollständig verlassen. 
Einer der zahlreichen Strandhunde hatte unseren letzten Bissen in einem unaufmerksamen Augenblick gestohlen, tagelang können wir keinen Nachschub erstehen. 






















So versuchen wir auch in Mirnoje unser Glück. Doch auch von diesem Ort ist nur eine Forschungsstation übriggeblieben. Hier halten Victor und Anja für verschiedene Universitäten Labor und Unterkünfte in Schuss, außerdem unterhält er natürlich eine kleine Landwirtschaft. 
Selbstverständlich gibt es zur Feier der Tretbootreisenden ein Festmahl, Viktor gibt gerne Auskunft über seine Arbeit. Seine Kinder besuchen, wie bei vielen Sibiriern unumgänglich, ein Internat. 
Das letzte Mal hat er unsere Welt, sprich Krasnojarsk, vor sechs Jahren besucht. Obwohl er über den nachlassenden Forschungsdrang im neuen Russland klagt, scheint er mit seinem Leben überaus zufrieden.
Bis zum Eismeer sind es ab Turukansk noch gut 1000 km,  die größere Städte auf dieser Strecke sind nur Igarka mit 10.000 Einwohnern und Dudinka mit seinen immerhin 30.000 Einwohnern.
In unseren letzten Tagen auf dem Tretboot mussten wir aufgrund des starken Windes gegen den Wellengang ankreuzen und kamen, obwohl die Strömung gut war, kaum voran. 
So sind wir trotz aller Wehmut auch zufrieden, als wir hier unser Tretboot, jetzt wieder in zwei Taschen verpackt, an Bord des Passagierschiffs Lermotov bringen.
Sechs Tage benötigt das Passagierschiff bis Krasnojarsk, das billigste Ticket für diese 1550km kostet 25 €. Wir gönnen uns für 85 € erste Klasse und genießen aus der beheizten Kabine heraus, vom besonntem Oberdeck herunter den Rückblick auf die Ufer, die wir zuvor mit unvergleichbarer Intensität per Tretboot erfuhren.

Zum Schluss zur, für viele vielleicht wichtigsten Frage kommen, nämlich zur Kostenfrage für ein solches Unternehmen.
Wie viel Geld muss man ausgeben, für so einen substantiellen Naturevent inklusive Wellness- und Fitnesskur und die traumhafte Fernsicht auf ein fernes Land.
Alles in allem haben wir pro Person 1200 Euro ausgegeben, 
Allerdings mussten wir auf drei Monate trautes Heim und Arbeit verzichten, und ein solches Opfer zu bringen, muss man sich leisten können.
Auf dem Schiff treffen die beiden Abenteurer einen 40 jährigen Historiker , der zur Geschichte des Stalinismus promoviert hat und von Recherchen aus Duldinka in seine krasnojarsker Universität zurückkehrt.
Er gibt Jutta ein langes Interview zu seiner Arbeit, er war einer der ersten Historiker, der hier vor 10 Jahren ohne Einschränkungen zu seinem Sachgebiet forschen durfte.
Leider ist das Interesse an seiner Arbeit gering, manchen kommt sie noch immer wie Netzbeschmutzung vor. 
Er kommt auch auf die Entwicklung der letzten 10 Jahre zu sprechen, er weis auch um die rapide zunehmende Armut in dieser Zeitspanne, er weißt aber auch darauf hin, das es erst durch die Perestroika möglich ist, ein solches Interview zu geben. Auch ein solch gemütliches und freundschaftliches Zusammensitzen mit Ausländern wäre früher kaum zustande gekommen, er hätte Angst vor einem Einbruch in seine Karriere und andere Repressionen haben müssen.
In dem Bus mit dem wir nach Hause fahren, sind die meisten ihrer Mitfahrer Menschen, die nicht mehr in ihrer russischen Heimat leben wollen. Mit einigen Taschen voller Andenken haben sie ihr für immer den Rücken gekehrt.
Der erste Stop des Busses in Deutschland ist bei einer jener Edelstahltoiletten an der Autobahn, die vollautomatisch und berührungsfrei Wasser, Seife und heiße Luft ablassen.
Daheim kostete eine solche Einrichtung ein Erdloch, einige Bretter und einige Sack Zement.
In ihrer neuen Heimat wird dafür ein Betrag ausgegeben, für den man in Sibirien ihr halbes Dorf, das Kulturhaus und die Schule kaufen könnte. Die öffentlichen Toiletten bekäme man als Dreingabe. Eine Krankenschwester müsste für den Betrag mehrere 100 Jahre arbeiten.
Der Ort, von dem aus ich mit meinem Tretboot von einem Freund abgeholt werden will, ist ein sogenanntes Auffanglager bei Göttingen. 
In dieses Lager kommen Menschen, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, sie haben die Chance auf den Reichtum, den bei uns Menschen sogar in der untersten Einkommensschichten garantiert wird.
Sie haben Glück, denn sie landen nicht in einem der neuen Abschiebeknäste dieser Republik und werden nicht über ein sogenanntes sicheres Drittland dahin gebracht, wo sie hergekommen sind.